PNY Tagesbericht 14.-15. Januar 2010

BlueGerbil | 15. Januar 2010 12:46

14.01.2010:

20 Uhr. Wir befinden uns im jetzt im Bermudagebiet. Mystik pur / Geschichten, die die Expedition schreibt.

Vorspann:
Während der Überfahrung des Sees herrschte knisternd starke Anspannung. Jeder war nervös ob das Eis halten würde - noch dazu, weil wir wegen der Gefahr von dünnem Eis am Rande (wegen Strömungen durch Zuflüsse), in der Mitte des Sees fahren mussten und das Eis nicht wie erhofft 1 Meter, sondern nur 30-40 cm dick und mit großen Rissen übersät war. Dann plötzlich keine Lenkungsunterstützung am F1 mehr. Wir dachten es sei schon wieder ein Schlauch geplatzt, aber nein. Der Keil- bzw. Rillenriemen war zerfetzt. Keine Ahnung warum. So schnell wie möglich versuchten wir einen neuen Riemen samt Spannrolle zu montieren, was bei eisigem Wind auf Eis eine Herausforderung ist, weil man fünf Leute braucht: einer hält die Motorhaube fest, damit sie nicht umschlägt, einer die Motordämmmatte und die Taschenlampe, einer hat das Werkzeug und die Ersatzteile, zwei entfernen die Reste, halten den Spanner und legen den Riemen auf.

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Zeitsprung:
Es ist ca. 19 Uhr als wir in das gefürchtete “Bermudagebiet“ einfahren.
Aufgrund der schwierigen Navigation und unerklärlichen Ereignisse, die hier in der Vergangenheit geschahen, wird es so genannt.

Wir bewegen uns ganz langsam auf einen engen Pass zu. Wir navigieren dabei ausschließlich per Computer und GPS, tasten uns an Koordinaten und Kartenlinien, die uns die Natur beschreiben, entlang der Berghänge, die wir aufgrund der Finsternis eh nicht sehen. Auch unsere starken Scheinwerfer geben uns nur ein paar Meter vor dem Fahrzeug einen Eindruck der Landschaft. Ein Herumfahren und Ableuchten ist wegen der Schneeverhältnisse und dem Anhänger nicht möglich. Das ansteigende Tal wird immer enger, bis es nur noch ca. 50-60 m breit ist. Dann vor uns eine Wand aus Schnee. Rechts und links steil aufsteigende Felswände. Wir haben nur eine Chance: nach links um dort zu versuchen einen schrägen Hang als Umfahrung der Schneewand zu benutzen. Da F2 wegen der Lenkung gehandikapt ist, fahren wir mit F1 vor. Der Hang wird steiler. Die Felswände wirken bedrohlich. Der Wind rüttelt am Fahrzeug. Dann ein Pfeifen, ein Schaben aus dem Motorraum. Sofort stelle ich die Maschine ab. Wir stehen mitten in der Steigung. Raus, Haube auf: der Keilriemen läuft neben der Spannrolle. Er ist beschädigt. Viktor beginnt auf Russisch die bösen Geister im Dunkeln anzuschreien, mit ihnen zu streiten. Er beginnt mit einem Schamanentanz gegen sie zu kämpfen, sie vom Auto wegzutreiben, während Jefgeny und ich versuchen eiligst den Riemen wieder aufzulegen. Eigentlich brauchen wir dazu acht Hände, aber der F2 ist weit weg.
Viktor ruft, schreit, kämpft mit Abwehrgesten und Lauten gegen das Unsichtbare dieser Nacht.
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Die Maschine läuft wieder - rein in den Wagen und weiter. F1 wühlt sich durch. Wir schaffen es, kommen aus dieser undefiniert bedrohlich wirkenden Situation auf den Bergrücken und F2 kommt nach. Dann einige hundert Meter weiter: ein Steilhang, der am Ende auch noch Tiefschneefelder hat. Mit viel Gefühl und Taktieren kommen wir bis zehn Meter vor die Oberkante. An der steilsten Stelle springt der Riemen erneut ab. Viktor schreit wieder, kämpft. Jefgeny sitzt im Auto und betätigt die Bremse, weil der Hang so steil ist, dass wir F1 nur so sichern können. Ich fluche, hadere und lege mit Wut im Bauch und aller Kraft den Riemen, der jetzt nur noch gut einen cm breit ist, auf. Jetzt reicht es aber, denke ich und treibe F1 gegen den Wind, die Geister, den Schnee, die Steilheit auf das Plateau. Geschafft. F2 fährt in bester Bravour nach.

22 Uhr. Haben damit soeben schweren Pass geschafft und stehen auf N 64 44‘469“ / W 274 23‘357“.
Team wohl auf.

Wir sind voll im “Bermuda” und kämpfen.

15.01.2010: 92. Kurzmeldung (00:00 Uhr MEZ)

8 Uhr. Sind aufgebrochen.

9 Uhr. Haben weites Flussdelta erreicht. Es liegt ein riesiges Tiefschneefeld vor uns, das sicher 1 auf 2 Kilometer groß ist. Wir versuchen eine Umfahrung zu finden. Als wir gestern um 14 Uhr vom Fischercamp aus aufbrachen, blieben unsere beiden Skidoofahrer dort zurück. Sie wollen versuchen uns heute bei Tageslicht einzuholen.
Aktuell halten die drei Gurte am F2 die Lenkung und der 1cm Riemen am F1. Wer sich fragt warum wir den nicht wechseln: Wir haben insgesamt sechs Ersatzriemen dabei. Einer ist schon neu, wir wollen/müssen das alte Material maximal aufbrauchen.

10 Uhr. Umfahrung geglückt und Flussquerung erfolgreich durchgeführt. Halten weiter Kurs.

15.01.2010: 93. Kurzmeldung (03:35 Uhr MEZ)

13:30 Uhr. Fischerbasis 70 km vor Providenia erreicht. Aktuelle Position N 64 39‘047“ / W 174 02‘183“.

Fahren maximal mit 2000 Umdrehungen/min in allen Gängen der Untersetzung, um sicherzustellen, dass der 1 cm Rillenriemen so lange wie möglich drauf bleibt. Wollen richtige Reparatur wenn irgend möglich erst in Providenia machen. Haben noch ca. 2-3 Tage gutes Wetter - müssen es schaffen.

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