PNY Tagesbericht 29. Januar - 01. Februar 2010

BlueGerbil | 1. Februar 2010 23:15

29.01.2010: 107. Kurzmeldung (01:12 Uhr MEZ)

Wir haben gerade alle Hände voll zu tun und versuchen händeringend eine Transportlösung für die defekten Achsteile zu finden. Sorry, dass ich nicht viel schrieb.

Wer uns helfen will und entsprechende Kontakte hat oder schreiben will, könnte die Alaska Native Wale Commission ansprechen.

Alaska Eskimo Whaling Commission
PO Box 570
Barrow, AK 99723-0570
Phone 907-852-2392
Fax 907-852-2303

Im Auftrag dieser Kommission wird am 08.02.2010 ein Flug von Nome, Alaska nach Providenia, Russland durchgeführt. Können die Teile da nicht mitfliegen, kommen sie erst Ende Februar an und unsere Chancen die Beringstraße rechtzeitig zu erreichen schwinden.

Leider lehnt diese Kommission die Mitnahme unserer zwei Reisetaschen mit den Ersatzteilen auf einem halb leeren Flug kategorisch ab. Wir kennen die Gründe nicht. Alle anderen involvierten Parteien würden es möglich machen. Die finale Entscheidung liegt aber bei der Alaska Native Wale Commission.

Vielleicht gelingt es uns ja gemeinsam diese Kommission doch noch dazu zu bewegen unsere zwei Taschen mitzunehmen.

30.01.2010: 108. Kurzmeldung (03:09 Uhr MEZ)

Von mittlerweile verschiedensten Seiten bitten wir die Alaska Native Wale Commission - selbstverständlich gegen Bezahlung - auf ihrem Leerflug (!!!!!) von Nome nach Providenia unsere zwei Reisetaschen mitsenden zu dürfen. Sie lehnen kategorisch ab. Wir haben keine Ahnung warum, haben weder den Personen, noch der Kommission je etwas Schlechtes getan. Keiner versteht diese Haltung. Das Einzige was man uns vorschlug: Wir sollen den gesamten Flug bezahlen, dann dürfen wir die zwei Reisetaschen mitschicken.
So etwas würde es in Russland niemals geben, niemals, niemals. Wenn hier jemand Hilfe braucht, dann hilft man. Und wir sind keine Schmarotzer, die um kostenlose Hilfe bitten. Wir bitten lediglich um eine Genehmigung zwei Reisetaschen gegen Bezahlung auf einem Leerflug mitsenden zu dürfen. Unglaublich, wirklich unglaublich.

31.01.2010:

Die zurückliegenden Tage waren geprägt von extremer Telekommunikation around the clock and around the world. Hammer, echt. Von Providenia über Egvekinot, Anadyr, Moskau, Frankfurt, Darmstadt, Limburg, Mainz, Los Angeles, Anchorage, Nome, Barrow und zurück. Mit allen versuchten wir die defekten Achsenteile zu beschaffen und schnellstens nach Providenia zu bringen. Aktuell hat unser Partner Dynatrac die Teile angefertigt und auf den Weg nach Nome geschickt. Von dort steht nun noch die Genehmigung für den Weitertransport nach Providenia aus, an dem wie erwähnt einige Stellen in der Kommunikation mit der Alaska Native Wale Commission arbeiten. Davor und dazwischen bockten wir beide Fahrzeuge mit den bekannten Siemens “Lufthaken” und Holztechniken spektakulär über einer Grube freischwebend auf, nachdem wir diese in stundenlanger Arbeit leergeschaufelt und uns dank der Administration und der technischen Schule in Providenia eine klasse Werkstatt eingerichtet hatten. Wir zerlegten die Autos, stellten u.a. fest dass Lenkungsteile und die Rahmen beider Jeeps im Bereich der Lenkungsaufnahme auseinander gebrochen sind, an weiterer Stelle beginnen zu brechen, konstruierten neue Rahmenteilstücke, erhielten neue Servolenkungsteile, fanden viele weitere gebrochene oder beschädigte Teile bei der Überprüfung an verschiedensten Stellen der Autos, hatten und haben einen Haufen Arbeit vor uns um die Fahrzeuge wieder fit zu machen, usw.

Dazwischen mussten wir noch sehr schlechte Heimatnachrichten unseres Kameraden Rudi Dexl verarbeiten, unseren treuen Weggefährten und Kameraden Wolfgang Weigl verabschieden, der ein 1a Kamerad war, und hoffentlich nach kurzem Aufenthalt in Deutschland wieder zu uns kommen kann, musste ich vieles sehr Ärgerliche aus Deutschland bearbeiten, usw. Schnauze voll sozusagen, aber nicht unter Wasser.

Nun die erfreulichen Dinge:

Noch bevor Wolfgang abfuhr, schrieb er zu Ehren der Expedition ein Lied. Es wurde zur Expeditionshymne und wird oft gesungen. Der Liedtext siehe unten.

Wie ich nicht müde werde zu betonen, kennt die Gastfreundschaft Russlands kaum Grenzen. Eine der Traditionen, die Russlands Gastfreundschaft mit bezeichnen, ist die gemeinsame Banja (russische Sauna). Archaisch. Nackte Männer wie sie geschaffen sind, die gemeinsam schwitzen, ebenso nackt überwiegend mit Fingern bestes und frischestes Essen essen, trinken, sich erzählen und Freundschaft zelebrieren. Zwei mal bereits durften wir hier in Providenia zu Gast sein. Valerie und seine Freunde bereiten immer alles ausgezeichnet vor.

Eine nette Story in diesem Zusammenhang zum Thema Frisör. Seit Monaten war ich schon nicht mehr bei Einem. Durch meinen üppigen ;-) Haarwuchs (an leider nicht allen Stellen) sah das mittlerweile wild aus. Ich fragte mich durch. Einen richtigen Shop gibt es hier in Providenia nicht. Konstantin, einer unserer Skidooguides, holte mich dann eines Abends mit seiner Taschenlampe in der Werkstatt ab, führte mich durch den Schneesturm, über Schneeverwehungen, anschließend durch eine riesige, stockdüstere, alte Industriehalle, vorbei an Metalllagern, Kettenfahrzeugen, durch knarrende Türen, Metalltreppen hinauf, durch Korridore bis zu einen Umkleideraum, der zu besten Zeiten über 100 Männern zum Umziehen diente. In einer Ecke stand ein Stuhl, eine kleine Lampe brannte, ein alter Spiegelrest hing an einem Spind. Ein Rasierapparat lag da und ein liebenswerter Freund von Konstantin wartete fast nackt im Halbdunkel extra auf mich um mir die Haare zu rasieren. Ich erklärte nichts, sagte nur per Zeichensprache: „Bitte gutaussehend”, verlies mich drauf und erhielt, außer vielem russischen Lachen eine tadellose Kurzhaarfrisur. Wow. Später sollte eben genau in diesen Räumen die Sauantreffen stattfinden.

Alles geht hier eben etwas anders, du musst dich auskennen, dich anpassen. Russland wird dich gut behandeln und der alte russische Spruch: „Je kälter die Gegend, desto wärmer die Menschen“ stimmt hier in diesem gigantischen Land immer.

Zwischenzeitlich sind gleich zwei schwere Blizzards über Tschukotka hinweggefegt. Sie brachten in Egvekinot, der Mitte und dem Norden soviel Schnee, dass selbst Vestichotfahrer Respekt vor den Massen haben. Es gibt keine Wege – Egvekinot versinkt im Schnee. Wir hätten nicht einen Tag später aufbrechen dürfen. Wieder eine starke Bestätigung für unsere Routenwahl entlang des Südens.

Wieder einmal herbeigeführt durch einen absolut Fremden, diesmal am Flughafen in Anadyr, dem ich, aus welchem inneren Grund auch immer nach kürzester Zeit vertraute, obwohl alle Anderen anderer Meinung waren, und der uns zu 100% die richtige Strecke wies. Wie unglaublich. Dieser Mann übrigens wurde später zu einem unserer Guides per Skidoo. Und weil wir schon dabei sind hier noch eine weiter Fügung oder wie heißt sowas? Heute besuchten wir im Rahmen unseres kleinen “Kulturaustausches” (Besuch verschiedener Schulen, öffentlichen Einrichtungen, etc.) auf Einladung die Bibliothek der Stadt. Anwesend war neben Anderen - wie von guten Geistern bestellt - ein ruhiger, besonnen wirkender Mann, der wie sich rausstellte über zwanzig Jahre von Uelen aus die Eisdicken bis zum Radmanov island (Big Diomed) vermessen hat, der die Beringstraße und ihr Eis wie seine Westentasche kennt, der Informationen für uns über die Strömungen hat, die nur Wenige kennen, der uns noch mit seinem Freund bekannt machen will, der ihn in all den Jahren auf dem Wis der Beringstraße mit einem russischen Kettenfahrzeug begleitete und uns helfen möchte. Wie genial ist das denn??!!

Für heute endete der Text. Ich werde mich bemühen ab sofort wieder kurze Texte zu schreiben, was zwischendrin einfach nicht möglich war.

Ganz herzliche Grüße noch vom Team an alle - Team ist wohl auf.

Liedtext:

1. Früh morgens um halb Achte steh‘n wir auf und steigen auf die Jeeps hinauf ://

Refrain //: Darum aufgeschaut, fest auf’d Steine g’schaut und auf seinen Kamerad vertraut. Seil her. ://

2. Das Jeschke Team ist immer super drauf, fährt jeden steilen Berg hinauf://

R //:

3. Jefgeny ist der Mann der Navigation und schießt auch schöne Fotos schon ://

R //:

4. Der Victor ist der Mann für alle Fäll’, löst jedes Problem super schnell. ://

R //:

5. Matthias pflegt Kontakt in alle Welt, drum geht’s uns gut auf jedem Feld. ://

R //:

6. Tschukotka live ist eine Reise wert, drum sind wir hier für’s Leben lehrt. ://

R //:
* Melodie mit Noten kommt noch.

01.02.2010: 109. Kurzmeldung (11:23 Uhr MEZ)

Genial, unser Freund Dimiti hat heute seinen bekannten “Oleg” zu uns in die Wohnung geschickt. Ein Mann mit besten Verbindungen in Satellitenleitungen. :-)

Er hat uns über TV eine Internetverbindung gebastelt vom Allerfeinsten und wir können - endlich mit Aussicht auf Erfolg - versuchen ein paar Bilder zu schicken. Das versuchen wir nämlich seit Tagen - und die Satellitenanlage von F1 geht in der abgeschirmten Halle nicht. Auf unserer Tagesordnung heute stand außerdem der offizielle Kindergartenbesuch und herzlicher Empfang dort.

Derweil arbeitete Jefgeny mit unserem Schweißer-Freund Valerie an der Neukonstruktion der Lenkungsteile und schweißt am F2 schon einen Großteil der Sonderkonstruktion an.[/quote]

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