PNY Tagesbericht 31.März-2. April 2010

BlueGerbil | 3. April 2010 19:47

31.03.2010: 180. Kurzmeldung (21:11 Uhr MEZ)

Uelen ist sicher anders als andere Ortschaften die wir bisher besuchten/durchfuhren. Hier scheint die Zeit, die Sprache, die Gewohnheit, das Leben andere Wege zu gehen. Das Leben, das sich hier sprichwörtlich auf der Straße abspielt …
Drei Einladungen wurden uns ausgesprochen, drei Besuche bei Menschen/Familien in Uelen wie sie unterschiedlicher nicht hätten sein können, drei Erlebnisse mit Eindrücken, die auch nachdenklich machen können.

Ansonsten vergehen die Tage mit den Arbeiten an den Wagen. Wir erleichtern die Autos wo es nur geht, bauen die Tankanlage um, ändern die Dachträger, öffnen die Dächer für den Notausstieg, bauen die Außenbordmotoren an, sortieren die Bauteile des Hebesystems, bereiten die Hydraulik vor, setzten die Schäden instand, die wir uns von Lavrentia bis Uelen eingefahren haben, usw.

Mittlerweile hat auch der Sturm, der eisigen Nordwind und gefühlte Temperaturen um -40°C brachte wieder nachgelassen. Dieser hatte Uelen seit einigen Tagen fest im Griff und riss an allem was nicht Niet- und Nagelfest war. Zumindest können wir uns nun auch wieder ohne Mütze und Jacke in unserer Wohnung aufhalten und ein paar Zentimeter der Fensterscheiben sind auch wieder aufgetaut nachdem Abertausende von Eiskristallen den Blick verwehrten.

Anbei ein paar Bilder des Umbaus und der Werkstatt, die unmittelbar auf den Strand gebaut wurde. Liegen wir unter den Autos, liegen wir sozusagen am/auf dem Strand von Uelen.

Die anderen Bilder zeigen tschuktschisches Essen und Schnitzkunst.

01.04.2010: 181. Kurzmeldung (01:37 Uhr MEZ)

Wie ungewöhnlich.

Ich gab Victor den Auftrag am zurückliegenden Sonntag, nachts den Zug von außerhalb nach Moskau zu benutzen anstatt Montagmorgen. Er traf in Moskau Stadt am Montagmorgen um ca. 7 Uhr ein und musste dann auf dem Weg zu einem Treffen mit der Deutschen Botschaft die Untergrundlinie nehmen auf deren Strecke nur rund eine Stunde später eine Bombe explodierte.

Wir hörten über mein Office zeitnah von den Terroranschlägen und waren sehr besorgt. Zumal wir zu dem Zeitpunkt keinen telefonischen Kontakt zu Victor aufbauen konnten. Dass sein Handy nur an der Pforte der Deutschen Botschaft lag erfuhren wird erst später. Alles gut - die Schutzengel und guten Geister fliegen anscheinend derzeit im Nonstop-Betrieb um ihn herum.

Wie positiv.

Heute Morgen dann ein klasse Start in den Tag. Zunächst traf eine außergewöhnlich gute Nachricht einer Behörde aus den USA ein, dann teilte Victor mir telefonisch mit auch in Moskau sei alles mit der US-Botschaft geregelt und dann erreichte uns - quasi als besondere Krönung - das Schreiben mit der offiziellen “Ausreisegenehmigung” der PNY-Expedition seitens der russischen Administration für den “Nichtgrenzpunkt” Uelen.

Wir wissen dieses Entgegenkommen sehr zu schätzen und bedanken uns dafür auch auf diesem Weg bei den beteiligten Personen, Ministerien und Behörden.

01.04.2010: 182. Kurzmeldung (10:14 Uhr MEZ)

Wie nervend. Warum sollte ein Tag auch ausnahmslos gut sein?

Manche Agreements scheinen nicht viel wert zu sein. So hat uns heute Mittag die Dame, von der wir die Wohnung angemietet haben, angerufen und uns mitgeteilt - nachdem wir zusätzlich zur vereinbarten Zahlung die ganze Wohnung gereinigt, die Wasserleitung der Küche repariert und die Toilette auf Vordermann gebracht haben - dass die Wohnung nun bitte wieder geräumt werden muss. Ja spinnt die Tante denn? Wir haben eine Vereinbarung für einen Monat. Man geht mir so was auf die Nerven.

Da sollen wir wohl ein bisschen ausgenutzt werden. Besonders weil sie uns - nachdem ich mich wieder aufregen durfte - am Telefon offerierte für eine Verdreifachung der Summe gerne in der Wohnung bleiben zu dürfen.

Wie auch immer. Wir werden die Wohnung nicht vor Ablauf der Vereinbarung räumen und erwarten - zum ersten Mal in Russland - Ärger. Hoffentlich gibt es ein paar Leute die ihr hier in Uelen oder in St. Petersburg wo sie lebt klar machen, dass das so nicht geht.

Die gute Nachricht:

Nach 1,5 Jahren ungeschütztem liegenden, stehenden, rüttelschüttel-Staub-und-Kälte Transports auf Anhängern, x-maligem Umlagern, Schnee und Eis, haben wir den ersten Tohatsu Außenbordmotor heute fertig angeschlossen und gestartet. Beim zweiten Mal Schlüssel umdrehen lief er. Einfach genial. Hoffen wir mal Nr. 2 macht morgen das Gleiche.

02.04.2010: 183. Kurzmeldung (11:47 Uhr MEZ)

Gestern Abend waren wir als Zuschauer bei den Tanzproben der Eskimotanzgruppe dabei und konnten uns über einen kleinen mongoloiden Jungen freuen, der in den zwei Stunden Tanz unglaublich viel lernte.

Die üble Situation mit der Vermieterin hatte sich tagsüber zunächst insofern regeln lassen, dass wir bis Ablauf des vereinbarten Monats zum vereinbarten Satz in der Wohnung bleiben. War ‘ne harte Nuss und Nerven hat es auch gekostet, aber na ja.

Heute dann das nächste Problem. Das GPS Spot Notsystem funktioniert nicht und die netten Leute der Herstellerfirma sind nicht in der Lage oder willens einen Rückruf durchzuführen, geschweige denn die Sache zu lösen. Man (die Expedition) hatte ja nur vor sich im Falle einer notwendigen Rettungsaktion darauf zu verlassen. Bin gespannt wie die das hinbringen wollen - ist auf jeden Fall unnötig wie ein Kropf wenn so ein Zeug nicht richtig geht und noch dazu dass man wegen dieser Typen, die sich nicht wie vereinbart melden, den ganzen Tag in der Wohnung rumsitzt, als hätte man nichts anderes zu tun.

Rudi hat die Zeit heute wenigstens genutzt und mit der Video-/Fotoausrüstung das örtliche Heizkraftwerk besucht. Er ließ sich erklären wie das hier funktioniert und durfte Einblick in Technik nehmen, die vieles hier am Leben hält. Es sind sehr nette Männer dort, die uns jederzeit willkommen heißen. Besonders Slava, der 70-jährige Chefheizer, der aussieht wie 55-60 und Muskeln hat wie ein 40-jähriger Fitnesstrainer ist aufgeschlossen. Das ein oder andere Mal schon saßen wir zusammen, tranken einen Tee, hören seine Geschichte, manchmal fällt auch lange kein Wort und jeder denkt den jeweils eigenen Teil.

Es ist eine eigene, spezielle Lebenssituation hier, auf dem rund zwei Häuserreihen schmalen Landstück zwischen Beringstraße und Lagune, auf der sich Uelen befindet. Die Menschen passen sich an und leben wie die Natur die Weichen stellt.

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